Artikel 68 der Verordnung (EU) 2024/1689 — Wissenschaftliches Gremium unabhängiger Sachverständiger. Offizieller Text, praktische Auslegung, zentrale Pflichten und Auswirkungen auf die Compliance.
Zusammenfassung des offiziellen Textes
Artikel 68 der Verordnung (EU) 2024/1689 richtet ein wissenschaftliches Gremium unabhängiger Sachverständiger ein, um die Durchsetzung und Governance des EU-KI-Gesetzes zu unterstützen, insbesondere hinsichtlich der KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck (GPAI). Die Kommission ist beauftragt, das Gremium durch einen Durchführungsrechtsakt einzurichten, in dem Zusammensetzung, Geschäftsordnung und das Verfahren zur Auswahl der Mitglieder festgelegt werden.
Die Mitglieder des Gremiums werden auf der Grundlage ihrer aktuellen, hochrangigen wissenschaftlichen oder technischen Fachkenntnisse im Bereich der künstlichen Intelligenz berufen und üben ihr Amt in persönlicher und unabhängiger Eigenschaft aus. Es ist ihnen untersagt, im Namen eines Mitgliedstaats, einer EU-Institution oder privater Interessen zu handeln; vor der Teilnahme an einschlägigen Beratungen müssen sie etwaige Interessenkonflikte offenlegen.
Das Kernmandat des Gremiums umfasst: die Abgabe unabhängiger wissenschaftlicher Stellungnahmen, Analysen und technischer Beratung an das KI-Büro und gegebenenfalls an die nationalen zuständigen Behörden; die Mitwirkung an der Bewertung von GPAI-Modellen, die möglicherweise systemische Risiken darstellen; die Warnung des KI-Büros bei spezifischen Bedenken; sowie die Unterstützung einer einheitlichen Anwendung der Verordnung in der gesamten Union. Das Gremium kann auch den Zugang zu Informationen und Unterlagen von GPAI-Modellanbietern anfordern, vorbehaltlich der Vertraulichkeitspflichten. Seine Arbeit ergänzt die institutionelle Struktur des Europäischen KI-Ausschusses und des KI-Büros und bildet eine unabhängige wissenschaftliche Schicht innerhalb der durch Titel VII etablierten Governance-Gesamtarchitektur.
Was dies in der Praxis bedeutet
Für die meisten Organisationen, die KI-Systeme einsetzen oder entwickeln, wirkt Artikel 68 im Hintergrund: Das wissenschaftliche Gremium ist ein institutionelles Organ und keine unmittelbare Compliance-Pflicht für private Akteure. Seine praktischen Auswirkungen sind jedoch erheblich, insbesondere für Anbieter von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck mit großer Reichweite oder systemischem Risikopotenzial.
Für GPAI-Modellanbieter: Das Gremium ist befugt, technische Dokumentation, Modellbewertungen und Testergebnisse anzufordern. Anbieter von Modellen, die als systemisches Risiko eingestuft werden — oder die hinsichtlich einer solchen Einstufung untersucht werden — sollten Informationsanfragen des Gremiums einkalkulieren und bereit sein, innerhalb der vom KI-Büro vorgegebenen Fristen zu antworten. Die Pflege strukturierter, prüfbarer technischer Dokumentation ist daher als proaktive Compliance-Maßnahme ratsam.
Für nationale zuständige Behörden und notifizierte Stellen: Das Gremium fungiert als zentrale wissenschaftliche Referenz. Seine Stellungnahmen zu Risikoschwellenwerten, Testmethoden und Modellkapazitäten sollen eine harmonisierte Durchsetzung in den Mitgliedstaaten fördern und das Risiko abweichender nationaler Auslegungen verringern.
Für Compliance-Teams und Rechtsberater: Das Verständnis der Betriebsverfahren des Gremiums — einschließlich der Art und Weise, wie es Warnmeldungen und Empfehlungen ausgibt — ist wichtig, um den regulatorischen Verlauf der GPAI-Governance zu antizipieren. Die Ergebnisse des Gremiums können nachfolgende delegierte Rechtsakte oder Leitlinien der Kommission beeinflussen und Compliance-Erwartungen über das derzeit Kodifizierte hinaus prägen.
Das Gremium erlässt keine bindenden Entscheidungen, aber seine Bewertungen haben im Rahmen der Durchsetzungskette erhebliches Gewicht.
Zentrale Pflichten
- Pflicht der Kommission: Die Europäische Kommission muss das wissenschaftliche Gremium durch einen Durchführungsrechtsakt einrichten, in dem Zusammensetzung, Mitgliedschaftskriterien, Betriebsregeln und Verfahren für Interessenkonflikte festgelegt werden.
- Unabhängigkeit der Sachverständigen: Die Mitglieder des Gremiums müssen ausschließlich im öffentlichen Interesse und in persönlicher Eigenschaft handeln und etwaige Interessenkonflikte offenlegen, die die Unparteilichkeit ihrer Arbeit beeinträchtigen könnten.
- Technische Unterstützung des KI-Büros: Das Gremium ist verpflichtet, wissenschaftliche Stellungnahmen, Warnmeldungen und Empfehlungen zu GPAI-Modellen, Bewertungen systemischer Risiken und technischen Angelegenheiten abzugeben, die ihm vom KI-Büro oder nationalen Behörden vorgelegt werden.
- Informationszugang: Das Gremium kann von GPAI-Modellanbietern einschlägige technische Informationen und Dokumentation anfordern, die zur Kooperation verpflichtet sind, vorbehaltlich geltender Vertraulichkeitsschutzbestimmungen.
- Warnmechanismus: Das Gremium hat eine ausdrückliche Funktion, das KI-Büro auf aufkommende Risiken, Sicherheitsbedenken oder im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit festgestellte Verstöße gegen die Vorschriften hinzuweisen.
- Harmonisierungsunterstützung: Das Gremium trägt zur einheitlichen und gleichmäßigen Anwendung der Verordnung in der gesamten EU bei, insbesondere durch die Bereitstellung von Referenz-Wissenschaftsbewertungen, auf die sich die nationalen zuständigen Behörden stützen können.
Bezug zu anderen Artikeln
Artikel 68 ist Teil von Titel VII (Governance) und eng mit der umfassenderen Governance-Architektur des EU-KI-Gesetzes verbunden. Er ist in Verbindung mit Artikel 64 (Befugnis der Kommission, Informationen zu erhalten und Untersuchungen zu GPAI-Modellen durchzuführen) und Artikel 65 (Durchsetzungs- und Untersuchungsbefugnisse auf Unionsebene) zu lesen, da die technischen Erkenntnisse des Gremiums direkt in diese Verfahren einfließen.
Die Arbeit des Gremiums zu systemischen Risiken ist unmittelbar mit Artikel 51 (Klassifizierung von GPAI-Modellen mit systemischem Risiko) und Artikeln 55–55 (Pflichten für GPAI-Modellanbieter, einschließlich Dokumentation, Bewertung und Vorfallmeldung) verknüpft. Die Kriterien, die das Gremium zur Bewertung systemischer Risiken verwendet, knüpfen an die in Anhang XIII definierten Schwellenwerte und Indikatoren an.
Auf institutioneller Ebene ergänzt Artikel 68 Artikel 65 (KI-Büro) und Artikel 66 (Europäischer Ausschuss für künstliche Intelligenz) und bildet eine dreigliedrige Governance-Struktur, in der das Gremium unabhängige wissenschaftliche Expertise bereitstellt, das KI-Büro Durchsetzungsbefugnisse ausübt und der Ausschuss nationale Positionen koordiniert. Artikel 70 (Befugnisse der nationalen zuständigen Behörden) sollte ebenfalls in Verbindung mit Artikel 68 gelesen werden, wenn es darum geht, wie die Empfehlungen des Gremiums in Maßnahmen auf Mitgliedstaatsebene umgesetzt werden.
Compliance-Zeitplan
Das EU-KI-Gesetz trat am 2. August 2024 in Kraft, zwanzig Tage nach der Veröffentlichung im Amtsblatt. Seine Bestimmungen gelten in Phasen:
- Februar 2025: Verbote für KI-Praktiken mit unannehmbarem Risiko (Titel II) wurden anwendbar.
- August 2025: Die Governance-Bestimmungen von Titel VII, einschließlich Artikel 68, wurden anwendbar. Ab diesem Datum ist der Rahmen des wissenschaftlichen Gremiums — einschließlich GPAI-Aufsicht, Gremiumserrichtung und Bewertungsverfahren für systemische Risiken — operativ. Das KI-Büro war verpflichtet, das Gremium und seine Unterstützungsinfrastruktur innerhalb dieses Zeitraums zu konstituieren.
- Dezember 2026: Anforderungen an KI-Hochrisikosysteme gemäß Anhang I (Produktsicherheitsgesetzgebung) gelten.
- August 2027: Anforderungen an KI-Hochrisikosysteme gemäß Anhang III (eigenständige Hochrisikosysteme) gelten vollständig.
Für GPAI-Modellanbieter ist August 2025 das entscheidende Compliance-Ankerdatum: Ab diesem Zeitpunkt ist das Gremium befugt, Dokumentation anzufordern und Warnmeldungen auszugeben, wodurch technische Bereitschaft und Vollständigkeit der Dokumentation zu einer aktiven Compliance-Anforderung werden und nicht mehr zu einer zukünftigen Verpflichtung.
Official AI Act Compliance Deadline Calendar
Updated · Sources: Regulation (EU) 2024/1689 and the 2026 Digital Omnibus on AI.
| Obligation | Applies to | Original date | New date | Status | Countdown | Legal basis |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Prohibited Practices (Art. 5) | All providers and deployers | active | — | AI Act Art. 5 | ||
| GPAI Rules (Chapter 5) | GPAI model providers | active | — | AI Act Art. 51-56 | ||
| AI-Generated Content Marking | Providers of generative GPAI systems | active | — | AI Act Art. 50(2) | ||
| Regulatory Sandboxes | National competent authorities | active | — | AI Act Art. 57 | ||
| High-risk AI — Annex III (standalone) | Providers of standalone Annex III systems | deferred | — | AI Omnibus 2026 Art. 6(2) | ||
| High-risk AI — Annex I (embedded) | AI embedded in Annex I regulated products | deferred | — | AI Omnibus 2026 Art. 6(1) |
⬇ Download JSON · CC BY 4.0
AI Act meets DORA and NIS2
Is your organisation subject to both the AI Act and DORA? The two regulations intersect on the operational resilience of financial AI systems. Our sister site regulation-dora.eu covers DORA in depth — including what the AI Act adds on top of an existing DORA programme.
The AI Act for financial institutions ↗ Explore regulation-dora.eu ↗Frequently Asked Questions
Das wissenschaftliche Gremium ist ein unabhängiges Sachverständigengremium, das von der Europäischen Kommission gemäß Artikel 68 der Verordnung (EU) 2024/1689 eingerichtet wurde. Es bietet technische und wissenschaftliche Unterstützung für das KI-Büro und die nationalen zuständigen Behörden, insbesondere in Angelegenheiten im Zusammenhang mit KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck, der Bewertung systemischer Risiken und der Aufsicht über fortgeschrittene KI.
Die Mitglieder sind unabhängige wissenschaftliche Sachverständige, die von der Europäischen Kommission auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher oder technischer Fachkenntnisse im Bereich KI ausgewählt werden. Sie üben ihr Amt in persönlicher Eigenschaft aus, handeln unabhängig von Regierungen oder privaten Interessen und sind verpflichtet, etwaige Interessenkonflikte offenzulegen.
Das Gremium spielt eine zentrale beratende Rolle bei der Aufsicht über KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck (GPAI). Es kann zur Klassifizierung systemischer Risiken beraten, technische Dokumentation von GPAI-Modellanbietern anfordern und Warnmeldungen oder Empfehlungen an das KI-Büro ausgeben, wenn es Sicherheitsbedenken oder potenzielle systemische Risiken identifiziert.
Nein. Das wissenschaftliche Gremium hat keine direkten Durchsetzungsbefugnisse gegenüber KI-Anbietern. Es ist ein beratendes und technisches Gremium. Seine Erkenntnisse, Warnmeldungen und Empfehlungen haben jedoch erhebliches Gewicht und können formelle Untersuchungs- oder Durchsetzungsmaßnahmen des KI-Büros oder der nationalen zuständigen Behörden auslösen.
Die Bestimmungen zum wissenschaftlichen Gremium wurden ab dem 2. August 2025 anwendbar, zusammen mit dem breiteren GPAI-Governance-Rahmen gemäß Titel VII des EU-KI-Gesetzes, zwölf Monate nach Inkrafttreten der Verordnung im August 2024.
Stay ahead of AI Act changes
Get compliance alerts when deadlines or obligations change.
No spam. One-click unsubscribe.
Take compliance further with the AI Act Academy
Templates, training modules, and live Q&A — everything needed to implement AI Act compliance.